Wie kann Integration gelingen?
Thomas Paal ist der Dezernent für Soziales, Integration, Gesundheit, Umwelt- und Verbraucherschutz der Stadt Münster. Kaktus Münster e.V. traf sich mit Herrn Paal zum Interview um mit ihm über seine Arbeit/Aufgaben als Dezernent und über seine Vorstellung davon, wie Integrationsarbeit gestaltet werden sollte, zu sprechen.

Kaktus: "Herr Paal, würden Sie sich zunächst einmal kurz vorstellen?"

Herr Paal: "Ja, ich bin 46 Jahre alt, verheiratet, habe drei Töchter im Alter zwischen 11 und 15 Jahren und geboren bin ich in Kleve am Niederrhein. Da bin ich auch aufgewachsen und zur Schule gegangen. Nach dem Abitur und der Bundeswehr habe ich zunächst zwei Jahren in Freiburg Jura studiert bevor ich dann nach Münster gekommen bin um mein Studium hier fortzusetzen. Ich habe hier auch mein Referendariat absolviert und habe daher schon 7 Jahre in meinem früheren Leben in Münster verbracht. Nach meinen Abschlüssen bin ich erst einmal auf Wanderschaft gewesen. Ich habe 3 Jahre in Düsseldorf beim Städte- und Gemeindebund gearbeitet und während der Zeit in Xanten gewohnt. Anschließend habe ich 10 Jahre in Bad Salzuflen als Beigeordneter gearbeitet und bin jetzt seit Mai 2007 in Münster als Beigeordneter für die Bereiche Soziales, Integration, Gesundheit, Umwelt- und Verbraucherschutz."

Kaktus: "Welche Aufgaben nehmen Sie konkret in Ihrem Amt als Dezernent wahr?"

Herr Paal: "Ich leite dieses Dezernat, was aus ganz vielen Ämtern besteht, die durch diese Bezeichnung nicht mal alle wiedergegeben sind, sondern es gibt noch weitere Bereiche, die dazu gehören. Ich habe beispielsweise das Amt für Ausländerangelegenheiten noch dabei, ich habe die Kommunalen Stiftungen in meinem Aufgabenbereich. Ein ganz spannender Bereich mit einem sehr hohen Stiftungsvermögen. Die Erträge aus diesem Stiftungsvermögen werden für soziale Zwecke ausgegeben, was für einen Sozialdezernenten, der ich eben auch bin, eine sehr wichtige Sache ist. Die Themenbereiche reichen vom Sozialen über die Integration, Gesundheitsthemen, Verbraucherschutzfragen, Ausländerangelegenheiten bis in die Bereiche des Grünflächen- und Umweltamtes, wo es nicht nur um den Umwelt- und Klimaschutz geht, sondern auch um Grünflächenpflege, um das Erneuern und Sanieren von Kinderspielplätzen und auch um das Friedhofswesen. Es ist also ein relativ großer Bereich, der vielseitig und spannend ist."

Kaktus: "Wie passen so unterschiedliche Bereiche wie zum Beispiel Umwelt- und Verbraucherschutz auf der einen und Integration auf der anderen Seite zusammen?"

Herr Paal: "Die Bereich hängen manchmal gar nicht, aber manchmal auch sehr dicht beieinander. Nehmen wir mal die Gesundheit und die Umwelt. Diese Bereiche hängen manchmal sehr dicht beieinander, wenn wir über Gesundheitsschutz sprechen. Luftreinheit und Lärmbelastungen, das sind auch Gesundheitsthemen, da gibt es enge Verbindungen zwischen der Arbeit im Gesundheitsamt, was zu meinem Aufgabenbereich gehört, und dem Umweltamt. Es gibt zwischen dem Umweltamt und dem Verbraucherschutzbereich, nämlich der Lebensmittel- und der Veterinärüberwachung, Zusammenhänge, wenn wir über den Tier- und Artenschutz sprechen. Da arbeiten diese beiden Ämter sehr dicht zusammen, was man eigentlich gar nicht glauben würde. In meinem Dezernat als Sozialdezernat befindet sich auch die ein oder andere sogenannte Ordnungsbehörde wie beispielsweise das Amt für Ausländerangelegenheiten. Und da hat sich der Rat damals bei dem Zusammenschnitt dieses Dezernats gedacht, dass es ganz gut wäre, wenn solche Bereiche, die Ordnungsbereiche sind, durch den sozialen Gedanken ergänzt werden. Das heißt also, meine Arbeit im Bereich der Ausländerbehörde ist auch sehr stark von meiner Arbeit als Sozialdezernent und von Integrationsgedanken geprägt. Wir versuchen diese Gesichtspunkte stärker in die Arbeit der verschiedenen Ämter hineinzubringen. Ein solcher Dezernatszuschnitt, der auf den ersten Blick ungewöhnlich erscheint, dient letztlich auch dazu, die Arbeit der verschiedenen Ämter in diesem Dezernat gegenseitig zu befruchten."

Kaktus: "Anfang Februar wurde der Integrationsrat, das Nachfolge-Gremium des Ausländerbeirats, gewählt. Was für Erwartungen haben Sie an den Integrationsrat und wo sehen sie die Hauptsaufgaben des Rats?"

Herr Paal: "Der Integrationsrat hat als neues Gremium nicht nur einen neuen Namen, sondern er ist auch anders zusammengesetzt. Es ist ein Gremium, in dem auch Ratsmitglieder als richtige Mitglieder gleichberechtigt, aber vom Rat entsandt und nicht direkt von der Bevölkerung in dieses Gremium gewählt, mitwirken. Und dieses Miteinander von Ratsvertretern und den direkt gewählten Mitgliedern des Integrationsrats bietet eine neue Chance auf dem Weg zur Integration. Das ist es auch, was sich der Landesgesetzgeber dabei gedacht hat, dieses Gremium eben nicht nur als reines Sprachrohr der Interessen ausländischer Mitbürgerinnen und Mitbürger zu betrachten, sondern gleich in diesem Gremium die Integration voranzutreiben. Insofern ist meine Hoffnung, dass der Integrationsrat wichtige Impulse gibt für die Integrationsarbeit und diese auch noch stärker in die Ratsarbeit einfügt. Ich glaube, der Integrationsrat kann ein wichtiges Scharnier, ein Bindeglied zwischen Politik, Verwaltung und der Stadtgesellschaft sein."

Kaktus: "Welche Rolle spielen Sie in Bezug auf den Integrationsrat?"

Herr Paal: "Der Integrationsrat ist, was die Zuarbeit zu diesem Gremium anbelangt, in meinem Dezernat angesiedelt. Der Integrationsrat wird dort von der Koordinationsstelle für Migration und interkulturelle Angelegenheiten verwaltungsartig betreut und ich bin im Prinzip der zuständige Beigeordnete und Ansprechpartner im Verwaltungsvorstand für den Integrationsrat."

Kaktus: "Viele Migranten befürchten durch den Verlust der Muttersprache auch einen Identitätsverlust. Wie betrachten sie die Problematik? Welche Vor- und Nachteile sehen Sie für unsere Gesellschaft durch die Mehrsprachigkeit?"

Herr Paal: "Die Mehrsprachigkeit ist ein großer Vorteil für unsere Gesellschaft. Ich meine auch nicht, dass Migrantinnen und Migranten ihre Muttersprache verlieren oder aufgeben sollten, weil das auch damit zusammenhängt Wurzeln aufzugeben. Die Muttersprache ist ja keine Last, sondern sie ist eine Fähigkeit, eine Kompetenz, die Migrantinnen und Migranten mitbringen. Das Wichtige ist, diese Kompetenz und die Chancen von Mehrsprachigkeit zu nutzen und sie nicht als Problem zu bezeichnen oder zu erfassen. Das soll nicht bedeuten, dass das Erlernen der deutschen Sprache unwichtig wäre, sondern diese Mehrsprachigkeit, nämlich die deutsche Sprache und die Muttersprache zu beherrschen, ist eine Kompetenz, die deutlich über die vieler Einheimischer hinausgeht, die eben nur Deutsch sprechen können. Insofern ist Mehrsprachigkeit kein Nachteil, Mehrsprachigkeit ist ein Vorteil. Sie darf nur nicht zur Sprachlosigkeit oder zu Kommunikationsproblemen führen, aber ich denke, bei dem Verständnis, das wir gemeinsam haben, ist das auch nicht der Fall."

Kaktus: "Nun haben Sie ja langjährige Erfahrungen im Bereich der Integrationsarbeit. Was glauben Sie, wie kann man den Dialog zwischen Einheimischen und Migrantinnen und Migranten fördern?"

Herr Paal: "Ich glaube, wichtig ist es Begegnungen bzw. Begegnungsmöglichkeiten im Alltag zu schaffen. Der normale Alltag bietet diese Begegnungen nicht, man ist nicht wirklich aufnahmebereit. Man geht seinen Weg, lebt so seinen Tag und bewegt sich in seinen Kreisen. Da ist Integration, also dieses Aufeinanderzugehen, den anderen Menschen in seiner Besonderheit kennen und annehmen zu lernen, schwer möglich. Man muss die Bereitschaft aufbringen und diese Bereitschaft, diese Offenheit muss durch das Schaffen von Begegnungsmöglichkeiten gelockt und befördert werden. Das können Kurse oder Veranstaltungen sein, das können ganz einfache Dinge sein, bei denen die Möglichkeit besteht wirklich aufeinander zuzugehen, den Anderen zu sehen und kennenzulernen. Der Dialog muss aber nicht nur auf dieser alltäglichen Basis gefördert werden. Man muss auch öffentlich wahrnehmbare Dinge haben. Man muss Veranstaltungen und Diskussionen führen, um Aufmerksamkeit auf das Thema zu lenken und zu sagen, Integration passiert nicht von alleine, Integration ist auch nicht etwas, was nur die Migranten angeht, sondern Integration bedeutet auch für die Aufnahmegesellschaft, ich kenne leider kein besseres Wort, dass sie sich offen zeigt, dass sie sagt, ihr seid willkommen, wir wollen, dass ihr integriert werdet, wir treten in einen Dialog ein, wir wollen mit euch sprechen."

Kaktus: "Kaktus Münster e.V. setzt sich im Bereich Sozial-, Bildungs- und Integrationsarbeit durch Kunst und Kultur ein. Wie beurteilen Sie die Rolle der Kulturarbeit für die Integrationsarbeit?"

Herr Paal: "Ich glaube, das ist genau eine der wichtigen Möglichkeiten den Dialog zu schaffen. Diese Gelegenheiten zu kreieren in beispielsweise Musik- oder Kunstkursen gemeinsam Bilder zu erstellen, gemeinsam Musik zu machen oder gemeinsam etwas zu lernen, wo man eben nicht nur eine Gruppe bestimmter muttersprachlicher Menschen anspricht, sondern einfach alle zusammenbringt. Und dabei gar nicht so sehr darauf geguckt wird, wo jemand herkommt, außer vielleicht aus Neugierde, aber weitere Bedeutung hat es nicht. Und insofern ist die Arbeit von Radio Kaktus ganz wesentlich glaube ich, um eben diesen Dialog, dieses Miteinander zu befördern und damit letztlich den Boden für Integration zu bereiten."
 

Radio-Kaktus Münster e.V.